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Integration - Inklusion - Illusion?
(Bericht: Holger Giebel)Seit über einem Jahr hat die
Bundesrepublik Deutschland die UN-Konvention über die Rechte
von Menschen mit Behinderungen ratifiziert. Zumindest im
Bereich des Bildungswesens hat sich aber noch nichts getan,
wenngleich dies dringend notwendig wäre. Dies ist zumindest
die Auffassung von Professor Dr. Dieter Katzenbach vom
Institut für Sonderpädagogik der Universität Frankfurt, der
auf Einladung des Bergsträßer Kreisverbandes der
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) an der
Martin-Buber-Schule in Heppenheim referierte.
„ Wenn
sich die Bundesrepublik zu einem Menschenrecht bekennt, dann
hat dies oberste Priorität. Ist das nicht der Fall, dann
nehmen wir die Menschenrechte nicht ernst", unterstrich
Katzenbach und merkte an, dass Deutschland damit einer
völkerrechtlichen Verpflichtung nicht nachgekommen sei. Das
Zauberwort der UN-Konvention in Bezug auf das Schulsystem
lautet Inklusion. Diese Vokabel leitet sich vom Lateinischen
inclusio (Einschluss) ab, zu deutsch: dazugehörig. Dies
bedeutet bezüglich der Bildung, dass Menschen mit
Behinderung, nicht vom allgemeinen Bildungssystem
ausgeschlossen werden dürfen, sondern gemeinsam mit den
anderen Kindern aus der Nachbarschaft lernen sollen, wofür
entsprechende Vorkehrungen zu treffen sind.
Katzenbach erklärte, dass Inklusion nicht mit Integration
gleichzusetzen sei. Bei der Integration müsse erst eine
Besonderheit vorliegen, die es notwendig mache, ein Kind in
die übrige Gruppe zu integrieren. Die Inklusion gehe dabei
vom Begriff der Vielfalt aus, so dass eine Behinderung nur
ein Merkmal von vielen darstelle.
Noch sei dies in der deutschen Gesellschaft ungewöhnlich,
weil man es gewohnt sei, Unterschiede sofort in eine
Hierarchie zu packen. Doch es sei erkennbar, dass dies kein
Zustand von Dauer sein müsse. So seien Eheschließungen
zwischen Katholiken und Protestanten - vor gar nicht allzu
langer Zeit zumindest ein Anlass für Gesprächsbedarf - heute
nichts mehr Besonderes.
„Vielleicht
gelingt es, dass die Kategorie Behinderung irgendwann auch
nicht mehr den Stellenwert hat, dass sie über die Öffnung
oder die Schließung eines Lebensweges entscheidet", so der
Professor.
Im vergangenen Jahrhundert sei das deutsche
Bildungssystem modellgebend gewesen. Während sich andere
Länder aber weiterentwickelt hätten, hänge das
althergebrachte deutsche Bildungssystem dem Land eher wie
ein Klotz am Bein. Weltweit werde lediglich noch in der
Schweiz und in Liechtenstein so früh selektiert wie in
Deutschland. Doch gerade diese Länder hätten bei der
PISA-Studie sehr schlecht abgeschnitten. Für einen
halbherzigen Kompromissversuch wie im Saarland, wo die
gemeinsame Grundschulzeit von vier auf fünf Jahre angehoben
wurde, zeigte Katzenbach kein Verständnis:
„Das
kann man doch keinem Menschen mehr erklären." In den meisten
Ländern seien Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in
Regelschulen integriert, in Deutschland seien dies keine
zehn Prozent. Dabei sei statistisch erkennbar, dass mehr
Sortierung zu weniger
Leistungsfähigkeit
führe. Möglichkeiten zur Realisierung der Inklusion seien
gegeben, doch es fehle am Willen, weshalb ein
gesellschaftlicher bildungspolitischer Konsens notwendig
sei. „Da
braucht unsere Kultusministerin noch etwas Unterstützung,
damit sie weiß, dass sie es auch will", betonte der
Wissenschaftler.
Wünschenswert sei ein perteiübergreifender Konsens, wie
er etwa in Bremen erreicht wurde, wo die Inklusion im
Schulentwicklungsplan eine wesentliche Rolle spiele.
„Die
Inklusion ist das Herz unseres Bildungssystems", sagte
Spaniens Bildungsminister Angel Gabilondo.
„Ich
würde mir wünschen, dass dies auch mal aus dem Munde eines
hessischen Ministers kommen würde", so Katzenbach.
Im Anschluss an den Vortrag lud die GEW noch zu ihrem
traditionellen Sommerfest, wo bei Live-Musik und bestem
Wetter noch zu dem einen oder anderen anregenden Gespräch
Zeit blieb. Überdies wurde mit Spezialitäten vom Grill und
Getränken aufkommendem Hunger- und Durstgefühl vorgebeugt.
Diashow zum Sommerfest

Dieter Katzenbach lehrt am Institut für
Sonderpädagogik der Universität Frankfurt.
Der gemeinsame Unterricht von behinderten und
nichtbehinderten Kindern und die Weiterentwicklung der
Organisationsformen und der didaktischen Konzepte ist einer seiner
Arbeits-schwerpunkte.
Zur Zeit begleitet und evaluiert er den Modellversuch
"Begabungsgerechte Schule" im Kreis Offenbach.
"Innerhalb von vier Jahren soll ein Modell entwickelt werden, welches
zeigt, dass alle Schülerinnen und Schüler 'begabungsgerecht' beschult
werden können, wobei die Heterogenität ihrer Lernausgangslagen und
Entwicklungsstände angemessen berücksichtigt und pädagogisch genutzt
werden soll." (Projektbeschreibung)
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Impressum

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Auf den Punkt gebracht |
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Bildung als Anpassung
Prof. Jochen Krautz über das
Kompetenzkonzept im Kontext einer ökonomisierten Bildung
download
(Forum kritische
Pädagogik) |
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"Über den richtigen
Umgang des Staates mit seinen Lehrern" Prof. Volker Ladenthin über Schulinspektoren
Leistungsorientierung, Beamtenstatus u.a.
download
mit freundlicher Genehmigung des Schneider Verlags
Hohengehren GmbH
aus: PÄDFORUM
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